„Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an deren Ende man sich auch seiner Mortalität schämt.“
So lautet einer der Aphorismen Nietschzes aus seinem Hauptwerk „Jenseits von Gut und Böse“. Gemeint ist, dass sobald der Mensch seine natürlichen Triebe als unmoralisch verunglimpft, er alsdann beginnt seine Existenz als endlich zu begreifen, und damit diese auch als Hindernis für die Suche nach dem Unendlichen betrachtet. Nietschze fordert deswegen, die Sklavenmoral (diese wird erschöpfender in „Zur Genealogie der Moral“ behandelt) als ein der eigenen Entfaltung hinderliches Konstrukt der westlichen Philosophie und des Christentums zurückzuweisen, sich seiner Endlichkeit bewusst zu werden (Nietschze ist Nihilist, denn nur der Nihilismus opfert Gott dem Nichts) und das Leben zu bejahen. Mit Entfaltung meint Nietschze die Förderung von dominanten Eigenschaften wie Stärke, Härte, Durchsetzungsvermögen und List. Er kritisiert die Entwicklung europäischer Staaten von Gesellschaften mit starkem Führer zu Herdengesellschaften; anstatt in Krisensituationen einen Mann mit Führungskompetenz zu erkoren (das sich Sehnen nach Rat sei ein gezüchteter Wille), fördern wir demokratische Systeme. Dies sei eine Verweichlichung, eine Tendenz hin zum Femininen, Hermaphroditischen, denn Moral kommt nicht mit der Liebe, sondern mit der Angst. Ebenfalls lehnt Nietschze die Annahme des deutschen Idealismus ab, dass wir von der Vernunft geleitete Wesen sind. Selbst das Denken ist nur ein Verhalten dieses Trieblebens, bei dem etliche organische Funktionen ineinander gebunden sind. Voltairs Idee der Humanität, sei „Blödsinn“. Der deustche Philosoph entwickelt sein Gegenkonzept des Willens zur Macht: Dieser Selbsterhaltungstrieb des Menschen dominiert alles, jede Handlung ist von dem Wunsch, anderen gegenüber überlegen zu sein, geprägt. Selbst die Gelehrten sind nicht vom Wunsch der Erkenntnis, sondern vom Willen zur Macht getrieben und zielen durch ihre Tätigkeiten auf Gelderwerb und Anerkennung ab. Außerdem sei das Ziel dieser, den Schein, die Lüge und das Leid zu minimieren oder gar abzuschaffen, irreführend. Lügen ist überlebensnotwendig, Leid ist gut für die Menschen (denn der Mensch ist nicht nur Schöpfer, sondern auch das Geschöpf) und das Leben im Schein ist oft schöner als die direkte Konfrontation mit der Wahrheit. Erkenntnis ist nach Nieschtze überflüssig, ja sogar hinderlich, denn sie bedeutet Verzicht. Die Gelehrten, die nach der Wahrheit suchen, wie Sokrates, seien der Inbegriff der Decadence, denn sie töten den dionysischen Geist der griechischen Tragödie (ausführlicher in Nietschzes Werk „Götzendämmerung“). Wohlgemerkt, egal, ob es um Gelehrte oder starke Führer geht, Nietschze spricht ausschließlich Männern die Kompetenz zu, eine leitende Rolle zu übernehmen. Das „Weib“ hat etwas „Klein-Zügelloses“, „Oberflächliches“ an sich, sei fürs Verzaubern da, nicht für die Wissenschaften geeignet. Da Europa aus dem Schlummer der Dogmatiker geweckt wurde, wird jetzt alles hinterfragt, sogar die Geschlechterrollen. Doch es geht um das wirkliche Haben und Wollen des Menschen, dem Weib gilt schon die Verfügung über den Leib und den Geschlechtsgenuss als ausreichend, während ein Mann hinterfragt, ob das Weib nur ihn liebt und ob das nicht bloß ein Phantom ist. Männer, die zur Entweiblichung beitragen, seien Esel. Abschließend eine kurze Bemerkung zur Erkennistheorie von Nietschze. Dabei sind ihm besonders Platon und Kant ein Dorn im Auge: Es gibt keine objektiven Güter, nur Perspektiven, durch die wir die Welt betrachten. Synthetische Urteile a priori seien falsch, denn Erkenntnis ohne Erfahrung ist unmöglich. Sie seien nur Mittel zur Orientierung in einer dynamischen, chaotischen Welt. Die Welt des Unbedingten sei somit erfunden, physikalische Gesetze haben keine Wahrheit an sich, sondern sind nur menschliche Auslegungen der Welt. Die „Tartiüferrie des alten Kant“ lockt uns auf dialektische Scheinwege und verführt uns zum Kategorischen Imperativ.
Die Tiraden Nietschzes gegen westliche Philosophen, wie Platon und Kant, und ihre Theorien zeugen von einer allgemeinen Verzweiflung angesichts der Unterlegenheit bei analytischer Schärfe und Intellekt. Damit möchte ich mich nicht länger aufhalten. Bezugnehmend auf seine Philosophie sei folgendes anzumerken: Die von ihm selbst entworfene männlich-dominant-geprägte Subjektsetzung ist für seine Dychotomie der Geschlechterrollen und die Abwertung aller Errungenschaften von Frauen* (zu seiner Zeit z.B. Marie Curie) verantworlich. Intellektuelle Frauen sieht Nietschze als Hindernis für das von ihm gepredigte Streben nach Macht und der kompletten Loslösung von der westlichen Moral, die universelle, geschlechter-unabhängige Gültigkeit beansprucht. Die Verleugnung der Wahrheit der Wahrheit führt zu der irrsinnigen Annahme, dass der Mensch im Mittelpunkt des Universums steht und das selbst Physik immer eine Auslegung ist. Nietschze verkennt die Existenz von physikalischen Gesetzen, die unabhängig von Lebewesen existieren, ja deren Wahrheit solche gar nicht begründen können. Den Willen zur Macht als treibende Kraft des Menschen zu sehen (selbst gute Handlungen werden nach Nietschze zu eigenen Gunsten gesetzt) und diesen als völlig natürliche Anlage zu interpretieren, sei ein fataler Trugschluss, nach Kant eine Amphobilie. Was Nietschze meint, ist die Unlauterkeit des Hangs zum Bösen, bei der ein Inviduum zwar pflichtmäßig, aber nicht aus Pflicht handelt. Diese kann aber jederzeit überwunden werden, indem die eigene Vernunft den Menschen zur moralischen Verantwortung für sein Handeln zwingt. Doch wie es scheint, sieht Nietschze genau diese Autonomie des „einfachen Menschen“ als Gefahr, Philosophen, die den Menschen die Zügeln des Lebens in die Hand geben wollen (wie Sokrates) als Verdeber der Jugend. Er beschuldigt sie, Menschen dazu zu bringen, aus Mitleid ethisch zu handeln. Doch Kant meint, dass jede Neigung (und Mitleid ist nun eine) destruktiv ist. Er unterscheidet strikt zwischen der Erkenntnis nach Erfahrung (wofür der Verstand verantwortlich ist) und der Vorgangsweise der Vernunft nach Prinzipien, die a priori passiert. Apropos a prori: Für Nietschze sind solche Urteile ein Schein. Doch wie erklärt er sich die Anerkennung der Gültigkeit von mathematischen Gleichungen, etwa von: „x³-x=0“? Aus den jeweiligen Gliedern dieser Gleichung lässt sich nicht auf die Zahl 0 schließen, nur durch ihre Synthese kommt man auf die Lösung. Kant nennt die Mathematik als Paradebeispiel für synthetische Urteile a prori, die keiner Erfahrung durch den Menschen bedürfen.
Die Kritik an Nietschze ist nicht neu, schon Heinrich Rickert (1863-1936) merkte an, dass die „Umwertung aller Werte“, wie Nietschze sie anstrebt, keine Aufgabe der Philosophie sei. Rickert bezeichnet seine ideolgischen Schriften als relativistisch, dahingehend, dass er die Rechtskraft von moralischen Werten nur in Bezug auf ihre Träger:innen sieht, obgleich sie universell Gültigkeit erfordern. Schon Heinrich Rickerte annerkannte, dass Philosoph:innen erkennen und nicht dazudichten sollen. Vielleicht sollen wir uns mehr auf ihn und Kant zurückbesinnen, statt Nietschze zu vergöttern (denn kleine Freuds gibt es schon im Übermaß).

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