Kaum ein Stadtmensch hat ihn je gesehen, Landwirt:innen verunglimpfen regelmäßig und fordern im Tagesrythmus seinen Abschuss, Jäger:innen tun alles in ihrer Macht stehende, um die Erlaubnis dazu zu bekommen zu und Politiker:innen bekunden je nach Colour, ihn vor den Menschen oder die Menschen vor ihm zu schützen. Für die vielen Meinungen, die in den Medien geister, wissen die wenigsten über ihn bescheid. Es geht um den Wolf. Das Ziel dieses Artikels ist es, mit Mythen aufzuräumen und sich dem Wolf vorurteilsfrei zu widmen.

Eines der Standardwerke zum Thema ist das Buch von Kurt Kotrschal mit dem Titel „Wolf und wir“. Der Biologe widmet sich zu allernächst der Rückkehr des Wolfes nach Europa, nachdem er aufgrund der Bejagung seit dem Dreißigjährigen Krieg und insbeosndere im 19. Jahrhundert vollkommen ausgerotet wurde. Damals wurde er zum Zeichen des Bösen und des Heidentums deklariert, er symbolisierte das Unglück und musste weg. In Wolfsgruben wurden Wölfe gefangen, durch sogenannte Wolfsangel (eiserne Hacken, die sich nach dem Fressen des Köders in die Magengrube bohren) getötet. Das Herrschaftsgeschlecht der Welfen hat solch eine Wolfsangel sogar auf ihrem Wappen. Vor allem im katholischen Süden wurde der Wolf bejagt, im feudal-geprägten Bayernland zahlte man sogar Abschussprämien für jede Wolfsleiche. Die Rückkehr nun resultiert daraus, dass erstens die Menschen (zumindest in Großstädten) zunehmend pro Wolf eingestellt sind und zweitens aufgrund der hohen Wilddichte, die die Beute des Wolfes sind. Wolfspopulationen können zum Beispiel in Deutschland pro Jahr um bis zu 20% wachsen. Doch sobald ein Gebiet mit Wolfsrudeln gesättigt (ca 6 Wölfe auf 200-300 Quadratmeter) ist, werden einzelne Wölfe vertrieben und so wird automatisch die gefürchtete Überpopulation verhindert. Besonders viele Wölfe sind in der ostdeutschen Lausitz zu finden (erste Sichtung eines freilebenden Wolfsrudels seit der Ausrottung im 19. Jhd), in Österreich ist der Truppenübungsplatz Allensteig der einzige Ort mit sesshaften Vierbeinern. Die letzten Wölfe bei uns wurden im Waldviertel und in der Steiermark Ende des 19. Jhds gesichtet. Jedes Jahr wandern um die 40-50 Wölfe nach Österreich ein. 2018 wurden Wolfspaare im Waldviertel erspäht, die aber auf mysteriöse Weise (möglicherweise durch einen illegalen Abschuss getötet- die Wildtierkriminalität in Österreich ist besorgniserregend hoch) „verschwunden“ sind. Aktuell befinden sich um die 20.000 Wölfe in Europa. Die Messungen auf einem Gebiet erfolgen durch vier bewährte Methoden: 1) Augestellte Wildtierkameras 2) Untersuchung der Reste von Rissen von Beutetieren 3) Analyse des Heulens 4) Messung der Kotdichte. Durch Telemtriesender lassen sich unter anderem Wanderrouten von Wölfen verfolgen, der Wolf OR54 (eine Grauwölfin aus Oregon) legte die bisher längste Strecke (etwa 14.000 Kilometer) zurück. Besonders spannend ist die Beziehung von Wölfen zu Hunden, letztere entwickelten sich aus ersteren durch Selektion auf Zahmheit. Seit der Sesshaftwerdung wurde der Nützen dieser „zahmen Wölfe“ (wie sie Kotrschal nennt) unter anderem in der Verteidigung von Besitz und Herden und dem Einsatz im Krieg gesehen und so entstand die bis heute währende Beziehung zwischen Menschen und Hunden. Hunde sind im Gegensatz zu Wölfen Abfallfresser, dass unter anderem auf das Domestikationssyndrom zurückzuführen ist. Im Gegensatz zu Menschen und Hunden sind Wölfe weniger hierarchisch organisiert und verstehen Kausalitätsgesetze schneller als Kleinkinder. Dagegen haben Hunde, neben dem Wolfserbe der Kooperationsbereitschaft, eine viel entwickeltere Angepassstheit an den Menschen. Die umstrittene Frage ist nun, ob Hunde in der Linne’schen Nomenklatur als Unterart des Wolfes (canis lupus familaris) eingestuft werden sollen, oder ob sie als eigene Art (canis familaris) gesehen werden sollen. Kotrschal sympathisiert erstere Unterteilung, mit der Begründung, dass Wölfe und Hunde Nachkommen zeugen können und das Wolfsgene in Hunden nachgewiesen. Auf Artebene teilen Wölfe und Hunde 99% des Grundgenoms. Andere, wie etwa Colin Groves, argumentieren hingegen, dass der Hund durch den Selektionsdruck des Menschen eine eigene evolutionäre Flugbahn eingeschlagen hat und nicht als Unterart des Wolfes betrachtet werden kann. Darüber scheiden sich die Geister- weniger umstritten ist hingegen, dass Menschen und Wölfe eine ähnliche Einwanderungsgeschichte haben- der Mensch wanderte, allen Forschungsergebnissen nach, vor ca 100.000 bis 60.000 Jahren aus Aufrika aus und siedelte sich vor 40.000 Jahren in Europa an. Der Grauwolf kam vor ca derselben Zeit nach Europa. Klimatische Bedingungen- es herrschte Trockenheit auf Beringia aufgrund der Eiszeit- begünstigten die Einwanderung. Aufgrund der besseren sozialen Organisationen vertrieben die Grauwölfe die Diriswölfe. Vor etwa 35.000 Jahren kamen Menschen und Wölfe zusammen, wie das geschehen ist, bleibt ein Rätsel. Insbesondere weiblich gelesene Personen entwickelten in der Steinzeit eine enge Beziehung zu den Wölfen, da sie diese aufzogen. So entstand die Domestikation von einigen Wölfen und die Entwicklung dieser zu Hunden. Diese wurden des Menschen Freund, ihre wilden Vorfahren des Menschen Feind.

Diesen Feindesstatus hat der Wolf bis heute- er darf in Österreich faktisch willkürlich bejagt werden. Wie der Tierrechtsverein „VGT“ (Verein gegen Tierfabriken) berichtet, kann der Wolfsabschuss vor allem in Kärnten sehr leicht erfolgen. Sobald er 200m vor dem eigenen Haus gesehen wird, gilt er als Risikowolf und darf, wenn zwei Vergrämungsversuche (z.B. Klatschen) ihn nicht vertrieben haben, darf er ohne Genehmigung der Landesregierung erschossen werden. Dabei dürfen sich alle Jagdreviere in einem Radius von 10km um die Vergrämung an der Findung, Anlockung durch Futter und Erschießung 4 Wochem lang beteiligen. Seit 2022 wurden in Kärnten 310 Abschusserlaubnisse von einer Kommission vergeben, deren Mitglieder geheim gehalten werden. Die meisten betreffen die eben genannten Risikowölfe, nur sehr wenige tatsächliche „Schadwölfe“ (jene, die Schafe gerissen haben). Die Abschüsse passieren trotz des Schutzstatuses auf EU-Ebene- die FFH-Richtline (Flora-Fauna-Habitat) verpflichtet die Staaten zum Schutz bis zu einem erreichten günstigen Stand. Der Erhaltungszustand ist an die sich selbsterhaltende Populationen und ausreichende Verbreitungsgebiete geknüpft, in Österreich bei weitem nicht erreicht. Grundsätzlich sind Abschüsse sinnlos und schäbig – erstens, weil um die Ausbreitung des Wolfes vollständig zu verhindern, man eine jährliche Abschussqoute von 30-40% des Gesamtbestandes bräuchte, was man nie erreichen wird. Zweitens, weil der Wolf eine Bereicherung für uns alle ist- unter anderem, weil er die Wildpopulation gesund und niedrig hält (Wölfe jagen vor allem kranke und alte Tiere). Mit dieser Regelung des Ökosystems (insonesondere des Schalenwilds, dessen Bestände in Österreich aufgrund der jagdlichen Fütterungen im Europaschnitt sehr hoch sind) werden Jäger:innen in vielen Bereichen obsolet. Und drittens aus dem einfachen Grund, weil die Vorteile von Wildtierbeständen für den Menschen keine Rolle spielen sollten- wir müssen uns endlich von unserer antropozentrischen Sicht auf die Natur verabschieden! 

Schlussendlich zur Frage, ob der Wolf eine Gefahr für Heimtiere wie Schafe darstellt? Laut einer Erhebung von Statistik Austria und dem Landwirtschaftsministerium aus 2019 sterben etwa 85% der Schafe durch Schlachtung, 2% durch Unwetter, Steinschlag oder Krankheit. Ganz unten auf der Liste befinden sich Wolfsrisse, die gerade mal 0,025% aller Todesursachen ausmachen! Und selbst diese Zahl lässt sich durch eine einfache Vorkehrung reduzieren, die schon Menschen in Mesopotamien praktizieren: Nämlich durch Herdenschutz! Im LIFE-Stock-Abschlussbericht fordern u.a Bio-Austria und Wilderniss Society ebenfalls den Ausbau des Herdenschutzes als effektivste Methode zum Schutz von Heimtieren. Für Flachland reichen meistens Stromzäune aus, Almen kommen ohne Behirtung nicht aus. Rassen wie Maremmano-Abruzzese oder Golden Retriever können als Herdenschutzhunde eingesetzt werden- dazu müsste endlich die rechtliche Einschränkung für solche Einsätze fallen. Aufgrund der Intra-Gilgen-Agression zwischen Hunden und Wölfen braucht es beim Herdenschutz auch Hirten, die die Schafe bewachen. Die reine Präsenz dieser schreckt Beutegreifer ab. So lassen sich die Wolfsopfer um etwa 10% verglichen mit dem ungeschützten Status reduzieren. Es gibt also Mittel, wie wir ein friedliches Miteinander mit dem faszinierendem Canis lupus erreichen können- doch auch viele Verbände, die ein solcher Friede ein Dorn im Auge ist und dem sie auch weiterhin Steine in den Weg legen werden.

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