Keine philosophische Frage ist so komplex, wie die, ob und inwiefern der Mensch für seine Handlungen verantworlich und in seinem Tun frei ist. Das Ziel dieses Artikels ist es auch nicht, die verschiedenen Positionen zur Willensfreiheit von Denker:innen von der Antike bis heute aufzulisten und zu vergleichen. Er ist viel mehr für jene geschrieben, die überzeugt sind, dass wir einen freien Willen haben und nun wissen wollen, ob Moralität unmittelbar mit jenem zusammenhängt.

Argumente des Determinismus sind allesamt entkräftet worden- entweder weil Fakten so umgedeutet wurden, dass sie ins Weltbild der Determinist:innen passen (z.B. das Benjamin-Libet-Gehirnexperiment, dass plötzlich als Beweis für den unfreien Willen hergenommen wurde, obwohl dabei nicht Entscheidungen, sondern instinkhaftes Verhalten untersucht wurde) oder weil sie sie total trivial sind (wie Sapolsky, der den freien Willen auf den aritotelschen ersten Beweger reduziert, um diese Idee abzulehnen und daraus abzuleiten, dass wir durch Gene und Gewohnheiten bestimmt sind). Die einzige Möglichkeit, den Psychologismus (alias Determinismus) aufrechtzuerhalten, ist seine bloße Annahme, um damit den Menschen zum Lust-getriebenen Wesen zu erklären und Unsittlichkeit zu legitimieren. Wissenschaftlichkeit beruht jedoch auf Begründungen und nicht auf Spekulationen, somit können solche Argumentationsweisen nicht in Erwägung gezogen werden. Soweit so gut- aber lässt sich die freie Willkür (wie ihn Kant und Hegel noch nannten) empirisch nachvollziehen? Ja, sagt Robert Kane in seinem Buch „The Significance of free will“. Darin definiert er den freien Willen als die Macht des Aktuers, der Urheber seiner eigenen Zwecke zu sein. Die „Arbitria voluntatis“ (Willensentscheidungen) unterscheidet er von bloßen „choices“, da letztere erstens impulsiv sein können (ohne Intention, die Menschen motivieren, ein Ziel anzustreben) und zweitens nicht direkt zu Handlungen führen müssen ( z.B. wenn Person X sich entscheidet, in 3 Stunden das Haus zu verlassen und bis dahin keine Aktionen setzt. Willensentscheidungen bestehen hingegen I) aus „desiderative or appetitive will“ (über den schon Hobbes im Leviathan schrieb, ad.) und II) „striving will“ (Anstrengungen, um Hemmungen für moralisches Handeln zu überwinden). Es findet immer ein Wettbewerb der Gründe für bestimmtes Tun statt, bei dem sich dann eine Person für oder gegen eine Aktion entscheidet. Psychologische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Aber nicht die einzige, und hier kommt das Hauptargument von Kane: Für Handlungen, für die ich ultimativ verantworlich („ulitmative responsibility“, UR) bin, muss ich nicht immer alternative Auswahlmöglichkeiten haben („alternative possibilities“, AP). Daniel Dennet, einer der bekanntesten Kompatibilisten der Moderne, zitiert Martin Luther („Hier stehe ich, und ich kann nicht anders“) und führt dieses Zitat als Beispiel dafür an, warum wir nicht vollkommen frei, sondern auch immer determiniert durch unsere Überzeugungen sind. Luther hatte schließlich keine andere Möglichkeit gehabt, als sich den Repressionen der katholischen Kirche und des Kaisers zu widersetzen. Kane gibt Dennet in dem Punkt recht, betont aber, dass Personen für ein Ereignis „E“ nicht nur dann ulitmativ-verantworlich sind, wenn sie in einer bestimmten Situation, Herangehensweisen an das Ereignis wählen können und dabei immer Alternativmöglichkeiten haben, sondern auch, wenn sie durch vergangene Handlungen zu solch einer Person geworden sind, die nicht anders kann, als in der Gegenwart sich für eine bestimmte Tat zu entscheiden. Kane nennt diese lebensentscheidenden Formationen des eigenen Charackters, „Self-Forming Wills“ (SFW) und „Self-Forming Actions“ (SFA). Nur wenn keine Handlung der Vergangenheit zu einer Verschiebung/Veränderung des Aufscheinens von „E“ geführt hätte, sind wir für sie nicht ultimativ verantworlich (UR), sondern lediglich verantworlich (R). Die Theorie von anderen Philosophen, wie Harry Frankfurt, die die Essenz von „AP“ ablehnen, bemängelt Kane ebenfalls. Er kritisiert die Frankfurter Cases, wonach eine Person X nicht frei ist, wenn Person Y anwesend ist, die X, sobald sie versucht hätte, eine Handlung zu setzen, daran gehindert hätte. Wenn X sich für eine Handlung entscheidet, dann ist sie für sie verantwortlich, wenn sie jemand daran hindert, dann ist sie nicht der Urheber dieser Handlung- alleinige Wahrscheinlichkeit reicht nicht aus. Ebenfalls kritisiert Kane sein Konzept von „first and second order desires“ und die Idee, dass der Mensch nur frei sei, wenn diese beiden übereinstimmen. Nach Frankfurt sei dieser Status anzustreben. Wenn der Handelnde einen first-order-desire hat, Drogen zu nehmen, aber einen second-order-desire, diesen Wunsch nicht zu haben, dann ist der Mensch unfrei, so Frankfurt. Kane fragt sich, inwiefern der Status eines religiösen Fanatikers gut sei, der sich mit seiner Tat vollkommen identifiziert und inwiefern dieser „freier“ als ein Wanton sei? Müsste man nicht über second-order-desires auch reflektieren und diese mit third-order-desires in Einklang bringen und so weiter? Kane entwickelt das Gegenkonzept von „Constraining Controll (CC)“-> äußerer Zwang, etwas zu tun, „Nonconstraining Controll (NC)-> man wird äußerlich beeinflusst, nicht gezwungen und ist sich dessen bewusst, und „Covert Nonconstraining Controll“ (CNC)-> man wird so manipuliert, dass man eine Handlung bewusst will, obwohl diese die eigene Freiheit beschneidet und dem Aktuer schadet (wie in Brave New World). Das dritte Phänomen ist als Argument gegen Frankfurt gedacht: first and second-order-desires stimmen überein, die Person ist aber trotzdem nicht frei. Auch gegen andere Inkompatibilisten, wie Peter van Inwagen, wendet sich Kane: Alternative Auswahlmöglichkeiten seien nicht immer erforderlich, selbst wenn wir nicht immer entscheiden können, was passiert, sind wir, wenn es passiert, verantworlich, wie wir damit umgehen („plural voluntary control“). Zuletzt gibt uns Kane einen Umriss seiner Quantentheorie, wonach Quantensprünge und Chaos im Gehirn nur in Phasen starker innerer Zerrissenheit entstehen. Doch durch diese Probabilistik lässt sich unser Entscheidungsvermögen nicht erklären- jede abgewogebe Entscheidung ist besonders und nicht bloß das Ergebniss eines Zufalls, Bewusstsein und neuronale Prozesse sind essentziell. Kane bezeichnet sich als Anhänger des Fusion-Principles, nämlich der Idee des Zusammenspiels von Quanteneffekten und Bewusstsein. ZU guter letzt die entscheidende Frage: Wie steht Kane zur Kritik der reinen Vernunft? Freie Willensentscheidungen beinhalten immer einen Konflikt zwischen moralischer Verantwortung und Selbstinteresse, somit sei es unmöglich, objektive, universelle Werte anzunehmen, sagt er. Der Mensch handelt stets subjektiven Maßstäben folgend. Ziel sei es, eine gute Person zu werden, die Schwäche des Willens (akrasia) zu überwinden. Kane startet einen Frontalangriff auf Kant: Seine Idee der Moralität wird zur reinen Kalkulation, mehr als zum Commitment. Man könne nicht etwas tun, ohne es gewollt zu haben, a priori Urteile (also fernab aller Erfahrung und Neigung) seien deswegen unmöglich, der Werte-Empirimus somit die Antwort auf alle Fragen. Wie so gut wie jede strikte Ablehnung der kantischen Metaphysik, greift auch diese wieder mal zu kurz. Zunächst einmal die Physik betreffend, behauptete Kant nie, dass jede Wirkung eine Ursache hat, sondern lediglich, dass wir durch die sinnliche Affektion, den Naturgeschehnissen eine Kausalität zusprechen. Die Verstandeskategorien von Kant betreffen nicht das Ding an sich, sondern die Strukturierung der Welt durch den denkenden Menschen, der versucht, sie zu erfassen. Somit seien die Entdeckung Jungs von Akkausalitäten mit Kants Erkenntistheorie kompatibel. Das Konzept der Self-Forming-Actions könne erhalten und erweitert werden. Allerdings begeht Kane hier eine Kategorienverwechslung: Diese Handlungen der Vergangenheit können der menschlichen Tugend förderlich sein, haben aber keine Auswirkungen auf die Befolgung des Sittengesetzes. Die Entscheidung für dieses und gegen egoistische Antriebe (Selbstliebe), sei eine einmalige Sache, Kant nennt sie die Revolution der Denkungsart. Hingegen ist das tugendhafte Handeln eine allmähliche Reform der Sinnesart, ein kontinuierlicher Kampf gegen alte Gewohnheiten. Kant unterscheidet die Moral von der Tugendhaftigkeit. Moral beschreibt das gesamte Handeln von Menschen, bei der die subjektive Maxime zum allgemeingültigen, univeresellen Gesetz erhoben und durch den Kategorischen Imperativ die Vernunft deren Befolgung befiehlt. Bei der Tugend hingegen geht es nur um die Willensstärke, die dabei helfen soll, den Neigungen nicht nachzugeben. Um also Kane zu kontern: Ein guter Charackter ist notwendig, aber nicht hinreichend für Handlungen aus Pflicht. Er ist auch essentiell für die Befolgung des assertorischen Imperativs mit dem Ziel die eigene Glückseligkeit zu erreichen. Gerade deswegen aber, weil moralische Handlungen keine Kalkulation erfassen sollen, wie der Utilitarismus das propagiert, brauchen wir ein universelles Gesetz, das von allem Inhalt abstrahiert und sich nur auf die Form von Handlungen konzentriert (wider Kane). Und nun kommt der springende Punkt: Dass Zwecke an sich verpflichtend sind, den KI zu befolgen, kann nicht empirisch begründet werden, jeder solcher Versuch der reinen Vernunft endet in Antinomien (=Widersprüchlichkeiten). Der Mensch kann die Notwendigkeit der Naturkausalität nicht mit der Urhebung der Kausalität aus Freiheit nebeneinander bestehen sehen. Der Widerspruch wird durch die Unterteilung der Welt in noumena und phänomena gelöst. Somit kommt das Intelligibilitäts-Argument ins Spiel: Dadurch, dass wir alle über ein gleich-funktionierendes Erkenntnisvermögen verfügen (jeder und jede bewertet durch dieses Handlungen als allgenmein gut oder schlecht und somit kann die Vernunft die Validität des KI erzwingen, ohne willkürlich zu sein) und das gleiche Vorgehen der reinen Vernunft nach Prinzipien bei allen gleich stattfindet, kann die praktische Vernunft den freien Willen postulieren und muss das auch, da er die unbedingte Voraussetzung der Moral ist. Das Sollen setzt das Können schließlich voraus. 

Abschließend sei also anzumerken, dass Kanes Bemühungen, den freien Willen besser zu verstehen höchst löblich und ein großer Meilenstein in der Bewusstseinsforschung sind. Sein Konzept von den „SFA’s“ beschreibt die Entwicklung des menschlichen Charackters treffend. Allerdings kommt man, um die moralischen Verpflichtungen zu begründen, nicht um Kant herum

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