Seit der Veröffentlichung von Peter Singers „Animal Liberation“ 1975 wird über den Begriff der Tierbefreiung in akademischen Fachkreisen diskutiert. Singers Werk ist eines der ersten, die offen Missstände der Tierindustrie anprangert- von anämischen Kälbern mit Eisenmangel, denen Raufutter entzogen wurde, um weißes Kalbfleisch zu gewinnen bis zum LD100-Test, bei dem toxische Stoffe Testieren verabreicht werden und beobachtet wird, ab welcher Dosis alle Versuchstiere sterben. Singer appelliert, das Tierleid massiv zu reduzieren, Tierrechte lehnt er als Utilitarist jedoch ab. Als Gegenströmung zum Utilitarismus in der Tierethik hat sich die Deontologie etabliert. In diesem Artikel werden zwei deontologische Konzepte von Tierrechten präsentiert und miteinander verglichen.
Eines der bekanntesten Werke für Tierrechte ist Tom Regans „The Case for Animal Rights“, erschienen 1983. Der Uni-Professor aus North Carolina Regan kritisiert darin Raymond Freys Argument, wonach wir Überzeugungen von unseren Wünschen haben müssen, um überhaupt Wünsche zu besitzen. Z.B. müssen wir der Überzeugung sein, an Hunger zu leiden und diese Überzeugung artikulieren können, um überhaupt den Wunsch nach Essen haben zu können. Zweitens sagt Frey, müssen wir Überzeugung über Überzeugungen haben (also das Ich vom Rest der Welt unterschieden sehen), um urteilen zu können, ob die eigene Überzeugung objektiv wahr oder falsch war. Regan widerspricht Frey, weil 1) wenn sprachlich-geäußerte Überzeugungen die Bedingung für Wünsche wären, Kinder ohne Wünsche keine Sprache erlernen könnten. Und 2) ist die Frage, inwiefern Überzeugungen zweiter Ordnung auch wirklich objektiv wahr sind und wir nicht zu Überzeugungen dritter oder vierter Ordnung zurückgehen müssen, um die Wahrheit zu ermitteln und uns so in eine endlose Kette von Überzeugungen verstricken. Außerdem, sagt Regan, sind Überzeugungen die Basis für Erwartungen, welche z.B. Hunde ganz klar haben (Schwanzwedeln, wenn Person des Vertrauens erwartet wird). Zwar teilen Menschen mit Tieren nicht alle Überzeugungen (z.B. the preference belief nicht- weder episodische Präferenzen, noch dispositionale), aber das tun Menschen untereinander genauso wenig. Das Konzept greift also zu kurz, um Tieren Bedürfnisse abzusprechen. Um sich vom hedonistischen Utilitarismus abzugrenzen, führt Regan die Unterscheidung zwischen Schmerz und Schaden an (Hurt vs Harm). Die Verweigerung vom Recht auf Bildung, erfüllt das erste Kriterium nicht, sehr wohl aber das zweite. Ähnlich ist es bei schmerzloser Tötung von Tieren: Zwar werden ihnen dabei keine Schmerzen zugefügt, aber sie erleiden einen Schaden, nämlich den Verlust des Lebens (=deprivation). Jeder Tod ist ein Verlust, aber ein unnatürlicher eine Tragödie. Regan entwickelt seine bekannte Dichotomie zwischen „moral agents“ und „moral patients“. Die Bedingung, um in die erste Kategorie zu fallen, ist die Fähigkeit, unbefangen urteilen zu können. Zur zweiten zählt er Säugetiere, die Wünsche, Rationalität, ein Gedächtnis haben, Schaden erleiden können und Empfindungen haben. Beide zusammen sind Subjekte des Lebens. Somit verwirft Tom Regan John Rawls Argument der Reziprozität- es gibt Individuen, die genauso Gerechtigkeit verdienen, obwohl sie sich nicht an die Spielregeln der Gesellschaft halten können (eben solche, die nur moral patients sind- ein Tiger kann z.B. eine Gasele reißen, Menschen aber, die auch moral agents sind, dürfen sie nicht töten). Regan sagt, dass zumindest moral agents und patients einen inhärenten Wert haben, also einen unvergleichlichen Wert, der unabhängig vom Nützen für die Allgemeinheit bessessen wird. Doch nicht nur sie- er kann sich vorstellen, dass auch Tiere, die z.B. nicht rational sind oder kein Gedächtnis haben, diesen Wert innen haben können- bewusste Wesen, die genauso Empfindungen haben, jedoch auf niederer Ebene. Die Antwort auf die Frage, welche Tiere genau in diese Kategorie fallen, bleibt uns Regan in „The Case for Animal Rights“ schuldig. Regan bemängelt, dass für den Präferenzutilitarismus Gerechtigkeit ein konditionelles und kein moralisches Prinzip verlangt. Zwar fordert Singer die gleiche Behandlung von Menschen und Tieren, wiegt aber trotzdem Konsequenzen von Handlungen gegeinander ab, anstatt Tieren eine Würde und Rechte, unabhängig davon, was das für andere Mitglieder der Gesellschaft heißen würde, zuzusprechen. Dazu kommt das Problem mit den Interessen: Wie werden Tiere bei Singer verortet, die sich das Konzept eines Lebensinteresses nicht vorstellen können? Gleiches gilt für die Tugendethik: Wissen und Intellekt sind fördernswerte Eigenschaften, aber nicht jeder ist mit diesen ausgestattet (lottery of live). Neben dem schon oben genannten a priori Kriterium des inhärenten Wertes, entwickelt Regan Prinzipien, die als Stütze bei moralischen Entscheidungen dienen sollen (alles errinert an Ronald Dworkins liberale Rechtslehre). Das oberste aller Prinzipien ist das gennante harm-principle. Danach kommen alle anderen: Vom coolnes-Prinicple (das Regan vom Stoizismus übernimmt) bis zum liberty principle (Freiheit, sich zu Wehr zu setzen, falls mich wer bedroht). Gilt aber z.B. nicht für Bauern, die behaupten, Tierschutzmaßnahmen würden ihre Freiheit bedrohen, da das respect principle über dem liberty principle steht. Nun setzt er sich auch vom Kantianismus ab: Individuelle, reflektierte Intuitionen sind für die Entscheidungsbildung essentiell- da Intutionen von allen Gesellschaftsmitgliedern gefragt sind, wären Vorurteile vom Tisch. Für hard cases konzipiert er wieder zwei Prinzipien: 1) Das Miniride-Principle-> wenn wir von Individuen ausgehen, für die der Tod denselben Schaden bedeutet, sollen wir eher ein paar als Tausende töten 2) Das Worse-off-principle: Wenn für Individuum A der Tod einen größeren Verlust bedeutet als für B, sollen wir eher B als A töten (Regans bekanntes Schlauchboot-Beispiel, wonach wir in einer Notsituation eher tausend Hunde als einen Menschen über Bord werfen sollen).
Neben dieser Prinzipienhierarchie, die sehr willkürlich ist und eine Variante des Intuitionismus von George Edward Moore verkörpert (obwohl Regan sich von ihm distanziert), ist vor allem die Defintion vom Lebenswert problematisch. Wer entscheidet, welche Kriterien Individuen lebenswerter machen als andere? Jede Antwort ist subjektiv. Wir müssen also zum Kern der Deontologie zurückkehren, beziehungsweise zu ihrer absoluten Gestalt, nämlich zum Kantianismus.
Gegen solche Prinzipienlehre wendet sich die Harvard-Professorin Christine Korsgaard, nicht zuletzt in ihrem Buch „Fellow Creatures“ (Tiere wie wir) und versucht, die Lehren Kants und Aristoteles zu kombinieren, um eine moderne Tierrechtsethik zu konzipieren. Sie unterscheidet erstens Organismen von Artefakten, da erstere die Selbsterhaltung als funktionales Gut haben und aktiv anstreben, während letztere nur ein funktionales Gut im passiven Sinne haben (also ihre Funktionstüchtigkeit ist gut für jemanden und nicht für sie selbst). Zweitens unterscheidet Korsgaard Pflanzen von Tieren. Tiere haben ein Selbstbewusstsein, wissen also um sich und um die eigenen Bedürfnisse, haben Empfindungen und können diese sich selbst zuordnen und sich damit von anderen abgrenzen. Sie haben etwas, das für sie unbedingt gut ist und somit für uns alle unbedingt gut ist, in dem Sinne, dass wir ihnen bei der Erreichung dieses Gutes idealerweise helfen, aber zumindest nicht daran hindern sollen („die unbedingte Bedeutung der Bedeutung für“-> ein Konzept, für welches Korsgaard bekannt geworden ist). Das höchste Gut ist bei Korsgaard nicht etwas, dass sich eine Person in einer bestimmten Situation wünscht (=worauf sie Lust hat), sondern das Wohlfunktionieren des Individums (ähnlich wie bei Kant selbst die Glückseligkeit). Aber auch Zustände, die nicht begehrt werden, gehören dazu, z.B. der Tod. Schmerz und Lust sind keine Empfindungen, sondern Reaktionen auf solche. Lust ist nicht das höchste Gut, sondern nur eine Wahrnehmung des Guten. Auch schmerzvolle Erfahrungen können Lebewesen auf dem Weg zu diesem begegnen. Korsgaard entgegnet dem Utilitarismus, dass wir nicht nach einem aggregate good streben, weil dieses an sich gut ist, sondern es ist gut, weil wir danach streben bzw. weil es gut für uns ist (Theorie der gebundenen Werte). Tiere sind keine Behälter des Guten und dürfen nicht ersetzt werden, wenn sie diese Bedingungen nicht mehr erfüllen (Singer fordert z.B. die Euthanasie von schwerkranken Hunden). Tiere haben als Geschöpfe eine Würde unabhängig von ihrem Nützen. Tiere und Menschen unterscheidet zuguterletzt die bei menschlichen Tieren vorhandene Selbstkonsitution, also die Fähigkeit, das eigene Ich zu „erschaffen“, eigenständig zu denken und handeln und für diese gesetzen Handlungen Verantwortung übernehmen zu können. Nach Korsgaard leben Tiere in ihrer eigenen Welt und betrachten diese als Realität. Nun dürfen wir Menschen bei ethischen Entscheidungen nur interne, keine externen Maßstäbe anlegen. Die einen beschreiben das Wesen von Individuen, die anderen Sonderbegabungen. Man kann also nicht argumentieren, dass Tiere nicht berücksichtigt werden sollen, da sie nicht rational sind, weil Rationalität nicht zwingend zum Naturell von Tieren gehört. Entscheidend für moralische Relevanz ist die Vernunft im normativen, nicht im desktiptiven Sinne. Wesen, die im desktiptiven Sinne vernünftig sind (alle Menschen ohne geistige Einschränkung), besitzen von Geburt an eine reflexive Struktur des Bewusstseins und sind grundsätzlich in der Lage, Neigungen zu überwinden und rational zu handeln. Vernünftig im normativen Sinne sind jene, die für ihre Entscheidungen Gründe anführen können. Eine Tat wird gesetzt, um einen Zweck zu erreichen. Man könnte also sagen, dass eine Katze, die eine Maus fängt, vernünftig im normativen, nicht aber im desktiptiven Sinne, ein Betrunkener hingegen genau anders herum ist. Damit distanziert sich Korsgaard vom eigentlichen Kantianismus- Kant verstehe unter Vernunft nur jene im desktiptiven Sinne und übersehe dabei, dass es Wesen gibt, die Zwecke haben, aber gleichzeitig nicht dem Kategorischen Imperativ folgen können (also ihre Maximen nicht zum allgemeinen Gesetz erheben können) und keine Autonomie (=Selbstgesetzesgebung) besitzen. Sie argumentiert gegen seine Idee von indirekten Pflichten Tieren gegenüber, die uns vor unserer eigenen Verrohung schützen sollen, denn wenn Tiere keine empfindungsfähigen Wesen sind, können wir bei Tierquälerei auch keinen bösen Charakter entwickeln, wenn sie es aber schon sind, schulden wir ihnen direkt Pflichten. Korsgaard übernimmt die Grundideen der kantianischen Deontologie, setzt an Leonard Nelsons Unterscheidung von Zwecken in aktiven und passiven Sinne an und erklärt Tiere zu Zwecken an sich mit Würde.
Für Christine Korsgaard ist der Endzweck, nach aristotelscher Vorstellung, die Glückseligkeit und nicht die Handlung aus Pflicht, aus der sich dann erstere als Nebenprdukt ergibt. Damit macht sie sich aus neokantianischer Sicht angreifbar. Dennoch sei festzustellen, dass ihre Theorie die mit Abstand beste ist, um die Tierausbeutungsindustrie abzuschaffen und Tieren Rechte zu gewähren. Korsgaard muss allen künftigen (neokantianischen) Tierethiker:innen als Vorbild dienen, um an ihre Theorie anknüpfen zu können und sich auch der Frage über Möglichkeiten der Erkenntnis von nichtmenschlichen Tieren widmen zu können. Die Tierethik ist bei weitem kein vollständig erforschtes Gebiet und man darf hoffen, dass in Zukunft neue Studien den Menschen zum Umdenken bringen werden.

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