Der Nahost-Konflikt zwischen den palästinensischen Arabern und den isrealischen Juden ist einer der komplexesten und längsten Konflikte der Menschheitsgeschichte. Über ihn zu schreiben erfordert Fachkompetenz und Objektivität. Doch anstelle einer nüchternen Analyse, neigen heutige Beiträge eher dazu, die eine oder andere Seite zu verurteilen und aus der aktuellen Krisensituation politisches Kleingeld zu schlagen. Das Ziel dieses Artikels ist es weder Ahnenforschung zu betreiben und damit zu untersuchen, wessen Vorfahren die ersten Völker des Heiligen Landes, Kanaaniter, Philister und Hebräer waren, noch Stellung zum Hamas-Überfall auf Israel und jenem Vorgehen im Gaza-Streifen zu beziehen, sondern den Wurzeln des Nahost-Konflikts auf die Spur zu gehen. Um das tun zu können, ist es erforderlich, die Phase zwischen 1894 und 1945 genauer unter die Lupe zu nehmen.
Wie der Historiker Michael Wolfssohn in seinem Buch: „Wem gehört das Heilige Land?“ schreibt, ist die Entstehung Palästinas auf das Jahr 135 n. Chr datiert. Der römische Kaiser Hadrian hat nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes Judäa, das seit dem Tod König Salomos ein autonomes Reich der Juden war, in die Region Syrien-Palästina umbenannt, um den Bezug zum jüdischen Erbe wettzumachen. Während der Herrschaft der Umayyaden, Abbasiden, Mamelucken und der Osmanen (seit dem 17. Jhd) siedelten sich viele Araber in Palästina an und bauten dort ihre Heimstätten auf. Doch Juden blieben auf der Strecke, seit der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem (587/586 v. Chr durch die Babylonier und 70 n. Chr durch die Römer) und der Verschleppung und Massakrierung des jüdischen Volkes lebte es (bis 1948) in der Diaspora.
Mit dem Erstarken des Nationalismus verschlimmerte sich die Lage im 19. Jahrhundert. Ein grausames Verbrechen war das Pogrom im Russischen Reich 1881, nachdem man Juden für die Ermordung des Zaren Alexander II. beschuldigte. Ein anderes war die Dreyfus-Affäre, die sich zwischen 1894 und 1906 in Frankreich abspielte. Ausführlich darüber schreibt Hannah Arendt in ihrem Meisterwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Zur Geschichte: Ein jüdischer Generalstabsoffizier, Alfred Dreyfus, wurde von einem militärischen Gerichtshof der Spionage für das Deutsche Reich angeklagt. Der Auslöser der Affäre war das „Bordereau“, ein Brief, den Dreyfus an den deutschen Militäratache Schwarzenkoppen verfasst haben soll, worin militärische Ausrüstung und Taktiken der Franzosen aufgelistet waren. Damit wurde ihm Landesverrat vorgeworfen. Trotz der Aufdeckung des tatsächlichen Verfassers, Ferdinand Walsin-Esterházy, wurde Dreyfus in erster Instanz verurteilt, erst 1906 rehabilitiert. Die Wut und Krawalle der Anti-Dreyfusards waren schockierend, Emil Zola äußerte seinen Unmut über den Antisemitismus des Mobs in seinem Artikel: „J’accuse“(… „le lieutenant-colonel du Paty de Clam d’avoir été l’ouvrier diabolique de l’erreur judiciaire“…)
Doch nicht nur er, auch der Wiener Journalist Theodor Herzl verfolgte die Affäre. 1896 erschien sein Werk „Der Judenstaat“, eine Forderung eines Schutzgebiets für Jüd:innen im Heiligen Land und die Geburtsstunde des Zionismus. Ein Jahr später tagte der erste Zionistische Kongress in Basel. Doch die Ambitionen Herzls stießen auf wenig postive Resonanz, zwar emigrierten mit der ersten Allija um die 25.000-35.000 nach Palästina, das damals unter Herrschaft des Osmanischen Reichs stand, viele blieben aber nicht dort. Erst seit 1904 siedelten sich Menschen auch für längere Zeit an. Die über den Jüdischen Nationalfonds abgewickelten Landkäufe verliefen alle rechtmäßig und waren durch das Grundbuchwesen geschützt. Das Ziel der Zionisten war es nicht, einen Konflikt mit Arabern vom Zaun zu brechen, sondern es ging ihnen lediglich ums nackte Überleben. Deswegen mieden sie auch arabische Siedlungen und blieben unter sich (Vgl. Wolfssohn, 2002, S. 242-244). Wie Mark Tessler in „A History of the Israeli-Palestinian Conflict“ schreibt, protestierten schon 1891 vereinzelt arabische Händler mittels Telegrammen an das Osmanische Reich gegen die Käufe. 1901 starteten Notabeln eine Petition gegen gleiche Rechte von Juden und Arabern beim Landerwerb. Unter den „ntellektuellen wetterte vor allem der nationalistische Journalist Isa al-Isa gegen die Zionisten. Doch die überwiegende Mehrheit begrüßte die Einwanderung. Die Eingewanderten brachten die Modernisierung Palästinas voran, erste Brunnenbohrungen wurden durchgeführt, Zitrusfruchtplantagen modern bewirtschaftet, unter der Histadrut wurden Straßen, Banken und Gesundheitseinrichtungen, Hochschulen und ganze Städte (wie Tel Aviv 1909) gebaut. Die Bevölkerung Palästinas war viel eher mit dem Osmanischen Reich unzufrieden, das durch seine Privatisierungs-Politik für die Verarmung der Menschen verantwortlich war, während das System der korrupten Mucharts immer mehr Macht in den eigenen Händen konzentrierte. Mit der Unterstützung Großbritanniens im 1. Weltkrieg wollte Palästina die Türken abschütteln. Tatsächlich zählte der „kranke Mann am Bosporus“ zu den Verlierern. Diese Niederlage zeichnete sich schon vor Kriegsende ab und so kam das geheime Abkommen zwischen dem französischen Diplomaten, Georges Picot, und dem britischen, Mark Sykes zustande, dass die Gebiete des osmanischen Reiches zwischen Frankreich und England aufteilen sollte. Neben den blauen Zonen (Küstenstreifen des heutigen Libanon, den Westen Syriens sowie der Kilikien-Region), die Frankreich zugesprochen werden sollten, und den roten (Teile des südlichen Iraks sowie die Hafenstädte Haifa und Akkon, die Großbritannien bekommen sollte, gab es Zonen A und B, die jeweils im Einflussgebiet von F (inneres Syrien und Nordirak) und GB (Transjordanien) stehen sollten. Eine braune Zone umfasste Palästina und sah eine internationale Verwaltung vor. Dieses Abkommen stand sowohl zur Hussein-Mc-Mahon-Korrespondenz von 1915/16 als auch zur Balfour-Declaration vom 2. November 1917 im Widerspruch und zeigt einmal mehr, wie es Großbritannien schaffte, Araber und Juden gegeinander auszuspielen. Beim Briefwechsel zwischen Scherif von Mekka und dem britischen Hochkommissar Henry MacMahon wurde die Unterstützung Großbritanniens bei einem arabischen Aufstands gegen das osmanisch Reich sowie die Schaffung eines unabhängigen arabischen Staates versichert. Ein Jahr später garantierte der britische Außenminister James Balfour Walter Rothschild, Großbritannien werde alles tun, um die Gründung eines jüdischen Staat in Palästina zu „erleichtern“. Seit der Veröffentlichung des Inhalts des Abkommens zwischen Sykes und Picot durch die Bolschewiki, die ebenfalls als russische Delegation an den Verhandlungen beteiligt waren, ist an die Öffentlichkeit gekommen, was eigentlich klar sein sollte: Die Briten verfolgten weder palästinensische, noch isrealische, sondern lediglich eigene, britische Interessen, die vorwiegend darin bestanden, Soldaten für den Krieg zu rekrutieren.
Im April 1920 randalierten arabische Nationalisten gegen ihre jüdischen Mitbürger und griffen sie offen an (Nabi Musa Unruhen). Ein Jahr später wiederholte sich die Situation- nur mit dem, Unterschied, dass die Gewaltaten an Intension zunahmen. 43 Juden wurden getötet, darunter der Schriftsteller Chaim Brenner (Unruhen von Jaffa). England musste handeln und verabschiedete das Churchill-Weißbuch 1922, das unter anderem Einwanderung nach Palästina nach dem Prinzip der Absorportionsfähigkeit regeln sollte. Zusätzlich wurde Transjordanien vom Gebiet separariert und die Einwanderung von Juden dorthin verboten. Die Strategie ging auf, mit der Anwendung von Gewalt konnte Großbritannien in die Knie gezwungen und zu Kompromissen gebracht werden. Im August 1929 eskalierte die Situation erneut: Dieses mal ging es um die Frage, ob Juden an der Klagemauer in Jerusalem nur beten, oder wie das manche taten, bauliche Veränderung an ihr (wie das Aufstellen von Trennwänden) vornehmen durften. Das Gesetz sah nur ersteres vor. Das empörte viele orthodoxe Juden und sie versammelten sich zu einer Demonstration. Die Revisionisten unter Jabotinksy etablierten eine Bürgerwehr zum Schutz der Bettenden. Der Streit schaukelte sich auf und mündete im Massaker vom Hebron: Juden wurden auf dem Weg zum Morgengebet, vom bewaffneten arabischen Mob aufgehalten und 67 von ihnen massakriert. Die überlebenden Einwohner wurden rasch aus der Stadt gebracht und man untersagte ihnen eine Rückkehr nach Hebron. Dieses traurige Ereignis wurde von Yardena Schwartz im Buch: „Ghosts of a holy war“ aufgearbeitet. Doch das Blutbad bedeutete Konsequenzen für die Juden: Die Shaw- and Simpson-Comission kam zum Schluss, dass die die Araber sich durch die Einwanderer bedroht fühlten und aus Angst vor der eigenen Existentz mit Gewalt antworten mussten. Das Passflied-Weißbuch von 1931 schränkte die Einwanderung massiv ein und koppelte sie an die Arbeitslosenqoute der Einheimischen. Trotz des Versprechns im Mac-Donald Brief an den Präsidenten der Jewish Agency, Chaim Waizmann, die Immigration wieder zu deregulieren, blieb Großbritannien seiner Position von 1931 treu. Wie Charles Anderson in „The British Mandate and the Crises of Palestinian Landlessness“ schreibt, verarmte die palästinensische Bevölkerung massiv- 80% der Bauern besaßen kein Land und konnten sich und die eigene Familie nicht versorgen. Grund dafür waren unter anderem massive Missernten, die sie dazu zwangen, ihr Land an die Zionisten und arabischen Großgrundbesitzer zu verkaufen. Aus dem Grund kam es zwischen 1936-1939 zum großen Arabischen Aufstand der Bauern in Palästina (dazu empfehlenswert das Buch von Oren Kessler „Palästina 1936). Der Aufstand wurde von der neu gegründeten Arab High Comission (AHC) unter Führung Hadschi Amin el-Husseini’s geführt und bestand einerseits aus einem Generalstreik, beidem arabische Kinder dem Unterricht fern blieben, Geschäfte geschlossen blieben und jeglicher Handel mit Juden verboten wurde. Wer sich weigerte, wurde bestraft, wie das Beispiel eines Händlers aus Jerusalem zeigt, dem von einer Gruppe von beauftragten Jugendlichen Abwasser über den Kopf geschüttet wurde. (Kessler, 2026, S.81). Andererseits kam es auch zu Gewalt. Im April desselben Jahres wurden 16 jüdische Hafenarbeiter umgebracht. Der Streik wurde im Oktober niedergelegt, da die Zitrusernte bevorstand und die arabischen Bauern von ihr profitierten. 1937 wurde auf Anraten des Hochkommissars Wauchope die Palestine-Royal-Comission (auch Peel-Comission) eingesetzt und schlug eine Teilung Palästinas vor: Einen kleinen Teil (20% des Landes, zwischen Tel-Aviv und Haifa, sowie Galiläa) sollte Israel bilden, den weitaus größeren Palästina (Rest des Landes, sowie Transjordanien). Großbritannien sollte weiterhin die für beide Seiten heilige Städte wie Jerusalem und Bethlehem verwalten. Trotz der massiven Einschränkungen für die Juden, stimmte Weizmann dem Plan zu. Doch Husseini lehnte ab und verpasste damit die im frühen 20. Jahrhundert größte Chance für die Gründnung eines souveränen Staates Palästina. Es kam wieder zu Aufständen. Großbritannien, anfangs zögerlich bei ihrer Niederschlagung der Revolte, griff erst nach der Ermordung des Bezirkskomissars von Galiläa, Lewis Andrews, heftiger durch. Juden wurden als Hilfspolizei (Notrim) durch GB eingesetzt, zusätzlich führte die Untergrundorganisation Hagana Vergeltungsoperationen an. Trotz der vorübergehenden Besetzung der Altstadt Jerusalems (Oktober 1938) konnte eine Entschärfung des Konflikts erreicht werden. 1939 wurde das Mac-Donald-Weißbuch veröffentlich- nach den Novemberpogromen von 1938 in Europa ein Schlag ins Gesich für jene, die in Israel ihre neue Heimat und eine Fluchtmöglichkeit vor dem Antisemitismus sahen. Zitiert aus dem Weißbuch: „Das Ziel der Regierung seiner Majestät ist die Errichtung eines unabhängigen Palästina-Staates innerhalb von zehn Jahren, der Vertragsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich in der Weise hat, dass die wirtschaftlichen und strategischen Interessen beider Länder berücksichtigt werden.“ Mit diesem Zugeständnis wollte Großbritannien einige Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die erstarkten Palästinenser unter Führung Husseinis für ein Bündnis gegen Deutschland gewinnen.
Doch das genaue Gegenteil wurde erreicht: Husseini suchte den Kontakt zu den Nationalsozialisten. Diese Beziehung beschreibt Klaus Gensicke in seinem Buch „Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten“. Auf Initiative von Hochkomissar Herbert Samuel stieg Husseini 1921 zum Großmufti von Jerusalem auf. Anfangs noch loyal zu den Briten, entwickelte sich seine Sympathie nach der Machtergreifung in Deutschland vor allem für die Nationalsozialisten. Da Artikel 18 des Palästinamandats einen freien Warenverkehrerlaubte, konnten schon ab 1924 Handelsbeziehungen zwischen Paläsina und der Weimarer Republik aufgebaut werden. Dies diente als Basis für die Annährung von 1940/41, die Staatsekretär Ernst Weizsäcker leitete. Die Nazis versicherten Unterstützung beim Kampf gegen das Judentum, es wurde unter aanderem die Deutsch-Arabische-Lehrabteilung zur Ausbildung von arabischen Soldaten gegründe. Eine offiziele Anerkennung Palästinas gab es aber vorerst, trotz der persönlichen Bitte Husseinis an Hitle (der berühmte Brief vom Februar 1941), nicht. Die Deutschen favorisierten eher den Konkurrenten des Mufti, Rashid Gailani, da er als rechtmäßiger Regierungschef des Iraks die Deutschen bei der Eindringung vom Norden in den Irak unterstüzen konnte. Geplant war die Errichtung der Dienststelle Grobba sowie die Stationierung des Sonderstabs Felmy in Bagdad. Zudem spielte der Mufti keine große Rolle mehr, seitdem GB die Gründung eines jüdischen Staates ablehnte. Auch über die DAL verlor er die Kontrolle. Hingegen beanspruchte Mussolinis Italien eher Nordafrika und war auf die Unterstützung Husseinis, der die Einsetzung der DAL in Tunesien forderte, angewiesen. Trotzdem währte der Kontakt zwischen den Nazis und dem Mufti, als Bindeglied diente Erwin Ettel und er handelte auch nicht gegen ihr Interesse. Im November 1941 kam es zum Treffen zwischen Hitler un Mussolini. Seit Juni 1942 waren die Nazis wieder mehr auf Husseini angewiesen: Im Gegensatz zu Gailani stellte dieser dem Oberkommando der Wehrmacht unter Rommel für den Vorstoß nach Ägypten eine ganze Kompanie ehemaliger Kriegsgefangener für den Kampf zur Verfügung. Trotz dessen erlitten die Deutschen eine Niederlage bei El Alamein und mussten sich zuruückziehen. Ab Februar 1943 verlagerte sich sein Interessensbereich: Er forderte in hitzigen Reden die Ungarn auf, Juden nach Polen zu deportieren und sich nicht schützend gegen sie zu stellen. Außerdem wurde eine SS-Division („Prinz Eugen“) am Balkan installiert, die aus Bosniaken bestand. Husseini lobte den Einsatz der Muselgermanen und die Kooperartion zwischen Moslems und Deutschen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Damit gaben die Nazis erstmalig ihr Konzept vom Ariertum auf, inofiziell, ofiziell galt der Mufti mit seinen blauen Augen nun auch als Arier, wie Hitler bekräftigte.
Der Mufti ist das Paradebeispiel für den muslimischen Antisemitismus. Von ihm stammen Aussagen wie: „Kill the Jews wherever you find them. This pleases god, history and religion.“ oder Holocaustverharmlosungen wie in einer Fernsehansprache von 1944, in der er, wohlwissend über die rund 17 Millionen Juden vor Kriesbeginn, behauptete, es waren nicht mehr als 11 Millionen. Husseini beinflusste die Politik Palästinas auch nach 1945 und die Hamas übernahm seinen Antisemitismus, indem sie sich, ähnlich die Nazis, in ihrer Gründungscharta auf die Protokolle der Weisen von Zion beruft. Damit sollen Kriegsverbrechen Israels im Gaza-Streifen nicht legitimiert werden, jedoch die Kritik der Vorgehensweise auf beide Seiten auszuweiten. Es sei nur zu hoffen, dass der Krieg im Nahen Osten mit einer friedlichen Lösung für beide Seiten bald sein Ende findet.

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